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Aktuell im Stadtteil

 

Lasset die Kindlein nicht zu mir kommen!

Kindergartenkahlschlag der Katholischen Kirche

 

 

Anfang des Jahres platzte die Bombe: Ein Drittel aller katholischen Kinderbetreuungsgruppen in Bochum steht vor dem Aus. Bischof Glenn formuliert besänftigende Worte, während die Einrichtungen, die zu viele nichtkatholische (!) Kinder aufgenommen haben, spätestens 2010 geschlossen werden – Ökumene wird abgestraft.  

 

Ein gutes Dutzend Kinder umringt einen gelben Kasten der Deutschen Post in Bochum-Dahlhausen. In ihren Händen halten die Kleinen Briefe. Die sind für niemanden geringeres als für seine Heiligkeit, Papst Benedikt XVI. bestimmt. Der Inhalt der Schreiben ist knapp, aber eindrucksvoll formuliert. In der Mitte eines jeden Blattes prangt ein mit bunter Farbe erstellter Handabdruck. Daneben ist Name und Alter des kleinen Briefschreibers zu lesen. Darüber stehen die Worte: "Lieber Papst! Mein Kindergarten wird geschlossen!" und darunter noch: "Bitte hilf uns!" Ob allerdings das Oberhaupt der Katholischen Kirche in den Streit um die Schließung von Kindertageseinrichtungen eingreifen wird, ist mehr als fraglich. Eine der betroffenen Mütter, Barbara Kochanowicz, hat sich in ihrer Not an Radio Vatikan gewandt. Postwendend kam die Antwort: "Von Rom aus können wir wenig machen." Zumindest kam aus der fernen Ewigen Stadt schneller eine Antwort als von den örtlichen Würdenträgern.

"Wir sind verlässliche Partner vor Ort."

 "Bewährtes bleibt erhalten, und Veränderungen sind möglich. Ihr Kind steht weiterhin im Mittelpunkt der Arbeit in unseren Einrichtungen." So klingt es in der Informationsbroschüre des seit zwei Jahren bestehenden Trägers des Kindergartens Sankt Michael, dem Kita-Zweckverband des Bistums Essen. Zwischen vielen Fotos von spielenden und lachenden Kindern steht dann auch der Satz: "Wir sind verlässliche Partner vor Ort." Für Barbara Kochanowicz klingen diese Worte wie Hohn. In zwei Jahren soll der Kindergarten Sankt Michael in Dahlhausen geschlossen werden. Dann wird zwar ihr Kind schon in die Schule gehen, aber die Dahlhausenerin fühlt sich trotzdem verantwortlich für ihren Stadtteil und den Kindergarten Sankt Michael. Die dort geleistete Arbeit sei vorbildlich. Kinder mit und ohne Behinderung würden gemeinsam spielen und lernen. Dies ist immer noch keine Normalität in deutschen Kindergärten. Und auch eine andere Tatsache sei bemerkenswert. Viele Eltern, die aus der Türkei stammen, haben ihre Kinder hier angemeldet, damit diese Deutsch lernen können. In der benachbarten städtischen Einrichtung sei dies nicht selbstverständlich, so Barbara Kochanowicz. Doch gerade die Beliebtheit des katholischen Kindergartens bei nichtchristlichen Eltern werde nun Sankt Michael zum Verhängnis, so die Vermutung der besorgten Mutter. Der nächstgelegene katholische Kindergarten in Oberdahlhausen habe einen Anteil von 72 Prozent an katholischen Kindern, während in Dahlhausens Sankt Michael nur 48 Prozent der Kinder katholisch getauft seien. Oberdahlhausen bleibt, Dahlhausen wird geschlossen.

"Wir haben den katholisch getauften Kindern ein Angebot zu machen."

Indirekt gibt die Presseabteilung des Bischofs in Essen der Dahlhausenerin recht. Der Leiter der Presseabteilung Ulrich Lota erklärt: "Wir haben den katholisch getauften Kindern ein Angebot zu machen." Daraus ergibt sich aber, dass besonders diejenigen Einrichtungen, in denen die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund besonders glückt, als erste von dem Streichkonzert der Kirchenoberen betroffen sind. Ob sich die Kirche mit dieser Politik selbst einen Gefallen tut? Viele muslimische Kinder, die in den katholischen Kindergarten gehen, besuchen regelmäßig die Messe. Nach der Schließung von Sankt Michael werden die katholischen Kinder nach Oberdahlhausen gehen. Die muslimischen Kinder aber werden dort nicht aufgenommen und gehen ab 2010 in den städtischen oder den AWO-Kindergarten. "So wachsen die Kulturen nicht zusammen", ärgert sich Barbara Kochanowicz. Es scheint, als werden im Bochumer Südwesten die Parallelwelten von der Katholischen Kirche absichtlich geschaffen.

"Bischof, mach das Licht aus. Du bist der letzte."

Aus Sicht der Kirche sieht es natürlich anders aus. Ulrich Lota erklärt, dass das Bistum in den letzten fünfzig Jahren ein Drittel seiner Gläubigen verloren habe. Nicht nur durch Kirchenaustritte schwinden die Kirchensteuerzahler. Das Ruhrgebiet sei besonders von dem demografischen Wandel der letzten Jahrzehnte betroffen. Durch Überalterung sterbe die Katholische Kirche im Kohlenpott allmählich aus. Zudem ziehen junge Familien eher in den Grüngürtel des Ruhrgebiets. Seit 2001 sinke die Zahl der Taufen um jährlich zwei Prozent. In fünfzig Jahren könnte also der Satz gelten: "Bischof, mach das Licht aus. Du bist der letzte." Der jetzige Bischof Felix Glenn gab dies am 8. Januar in einen Brief an die besorgten Eltern und Mitarbeiter der Kindergärten unumwunden zu: "Die Kirche im Bistum Essen wird kleiner, weil weniger junge als ältere Menschen in unserem Bistum leben und weil wir leider immer weniger Kinder haben werden." Zunächst mag man schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, dass ein Bischof schreibt, dass er Kinder hat. Natürlich bezieht sich seine Formulierung auf die von seiner Kirche getauften Kinder. Dann aber verwundert, dass die Kirche nicht gerade in Kindergärten investiert, sich so um den Nachwuchs kümmert, statt die Axt an den eigenen Wurzeln anzusetzen.

Der wirksamste Rückbau von Kindern ist wohl das Kondom

Das Ausmaß des "Rückbaus", wie der Bischof den Vorgang der Schließungen nennt, ist beträchtlich. Im Februar will er endgültig entscheiden, wo zuerst stillgelegt wird. An dem "ob" sei aber nicht mehr zu rütteln, so Ulrich Lota. Insgesamt will die Katholische Kirche allein in Bochum 34 Gruppen schließen. Nicht immer werden ganze Einrichtungen dicht gemacht. Manchmal werden sie nur verkleinert. Bistumsweit sehen die Zahlen noch beeindruckender aus. Von den noch bestehenden 1.000 Kindergartengruppen sollen in den kommenden drei Jahren 300 abgebaut werden. So werden ein Drittel der 20.000 Betreuungsplätze wegfallen. Liest man die Verlautbarungen dazu auf der Homepage des Bistums, ist man geneigt, anzunehmen, dass hier die gleichen Unternehmensberater tätig waren, die den noch in Bochum ansässigen Handyhersteller Nokia mit Argumenten ausstatteten. Da werden "Orientierungspapiere" zitiert, in denen von den Slogans wie "Zukunftsfähigkeit erhalten – Spielräume sichern" die Rede ist.

Kirche, die Nokia für Kinder?

Ein weiterer Umstand erinnert an finnische Verhältnisse. In dem vor kurzem verabschiedeten Kinderbildungsgesetz KiBiz wurde den kirchlichen Trägern ein höherer öffentlicher Zuschuss für ihre Kindergärten zugesprochen. Zahlten Stadt und Land bislang schlappe 80 Prozent der Kosten von konfessionell gebundenen Einrichtungen, sind es ab kommenden Sommer 88 Prozent. Dass nun die Kirche sich trotzdem häppchenweise aus der Kinderbetreuung zurück zieht, erscheint wie ein Subventionsskandal.

Manch betroffenes Elternteil vermutet allerdings noch eine ganz andere Motivation bei dem "Rückbau" der katholischen Kindergärten. Nicht nur diejenigen Einrichtungen sind von den Schließungsplänen besonders betroffen, in denen besonders viele nichtkatholische Kinder angemeldet sind. Eltern aus verschiedenen Stadtteilen ist aufgefallen, dass viele der bedrohten Häuser auf begehrtem Baugrund stehen. In der Vergangenheit hat sich die Kirche schon oft von Immobilien getrennt, um die Bilanzen wieder in schwarze Zahlen zu heben.

"Notfalls schrauben wir ein neues Schild an die Tür."

 Die Eltern der Kinder von Sankt Michael in Dahlhausen haben sich inzwischen nicht nur an Radio Vatikan und an den Papst gewendet, sondern auch eine Eingabe an den Rat der Stadt Bochum und einen Brief an alle Fraktionen im Rat formuliert. SPD, Linke und Grüne zeigten sich sofort solidarisch, erklärten den Eltern allerdings, dass sie die Entscheidung des Kindergartenträgers von Seiten der Stadt nicht umkehren können. Hermann Päuser (SPD), Leiter des Jugendhilfeausschusses, teilt im Gespräch mit trailer die Bedenken der Dahlhauser Eltern: 

Aufzählung

Ja, das Bistum werde nicht von den Schließungsplänen
abzubringen sein.
 

Aufzählung

Ja, es mache den Anschein, dass die Kirche dort ihre
Einrichtungen schließe, wo nicht genug getauft werde.
 

Aufzählung

Ja, die Kirchen ziehen sich aus der Kinderbetreuung
trotz KiBiz massiv zurück.
 

"Hier ist Ministerpräsident Rüttgers auf die Schnute gefallen", erklärt Päuser. Nach zähem Ringen mit den Trägern habe das Land NRW im vergangenen Jahr den Kirchen eine generöse Zuschussregelung zugestanden. Und ausgerechnet die Kirchen schließen jetzt am eiligsten ihre Kindereinrichtungen. In den nächsten Tagen werde Päuser mit den Trägervertretern sprechen und ihnen den Vorschlag machen, den Kindergarten einem anderen Träger zu überlassen. "Der Kindergarten soll erhalten bleiben. Notfalls schrauben wir nur ein neues Schild an die Tür." Es gäbe genug Interessenten, diese vorbildliche Einrichtung zu übernehmen, so der SPD-Ratsherr. Ein potenzieller Kindergartenträger allerdings scheidet wohl von Beginn an aus: die Evangelische Kirche. Diese schließt nämlich ihren Dahlhausener Kindergarten zum 31. Juli diesen Jahres.

Ihre Meinung per Mail: info@trailer-kinokultur.de

 

Text & Bild: Lutz Debus
Mit freundlicher Genehmigung des Kinomagazins "trailer - Kino.Kultur.Bochum".

 

 

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