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"Wunder von Bern"
Ein Streifzug
2001-
1976-2000
1951-1975
1926-1950
1900-1925
Heimatbuch 

 

 

Mein (blaues) Wunder von Bern

Von Hildegard Grygierek

 

Kann es was Schöneres geben, als in einem Fußball-Film als Komparse mitzuwirken?

Zwar hatte ich mich noch nie mit solch einem Gedanken auseinandergesetzt, fühlte mich trotzdem durch einen Artikel in der Zeitung aufgefordert, meine Bewerbung zu schreiben. Für Dreharbeiten in dem Film „Das Wunder von Bern“ suchte eine recht bekannte Castingagentur offensichtlich noch Statisten. Spontan, wie ich seit dem Einsetzen der Menopause nun mal bin, lud ich den Castingbogen der Firma „Senzai-Cast“ auf meinem Computer herunter.

Ein allgemein verständliches Formular, welches für meine Begriffe auf den ersten Blick etwas zu bürokratisch wirkte. Beim Ausfüllen kamen mir ehrlich gesagt so manche Zweifel, da von künstlerischen Fähigkeiten die Rede bzw. die Frage war. Erst zögernd, dann aber mit selbstbewusster Leichtigkeit umschrieb ich mein „Können“. Zur Sangesfreude in den eigenen vier Duschwänden informierte ich, gleichzeitig über den immer noch perfekt beherrschenden Wechselschritt beim Tanzen. Sicherlich werden sie lachen, mich auslachen, dachte ich, aber „so what!?“. Mit dieser Einstellung schickte ich meine „Bewerbung“ los.

Wider Erwarten setzte sich wenige Tage später ein durchaus höflicher Mitarbeiter der Castingagentur „Senzai-Cast“ telefonisch mit mir in Verbindung. Interessiert erkundigte er sich nach meiner Haarfarbe, wobei ich ihm leider nur das angedrohte superblond wie auf dem Foto bestätigen musste. Klappe und Aus, damit war ich raus. Also, mit solchen Haaren sah der junge Mann am anderen Ende keine Chance. Nicht dass er mich nicht nett aussehend fand, ganz im Gegenteil, höflich gab er mir zu verstehen wie leid es ihm tat. Auch der sinngemäße Fingerzeig auf eine Perücke wollte ihn nicht so recht überzeugen, alsdann er sich betont kultiviert verabschiedete.

Noch bevor ich mich über die Unflexibilität so richtig ärgern konnte, erreichte mich ein erneuter Anruf des gleichen Mitarbeiters mit einer Zusage zur Kleiderprobe.

Zwei Tage später saß ich in der „Maske“, in hoffnungsvoller Erwartung auch mal so toll auszusehen wie die „Sternchen“ oder „Stars“, oder wenigstens so ähnlich. Mit siebenundvierzig auf siebenundzwanzig getrimmt zu werden stellte ich mir einfach himmlisch vor, wurde aber ziemlich realitätsbrutal von der Wolke heruntergeholt. Mir standen fast die Tränen in den Augen als ich mich mit den verfilzten Locken und dem unmöglichen Hut im Spiegel betrachtete. Schlimmer hätte es nicht kommen können, oder doch? Ich musste ja auch noch das dazugehörige Kleid anziehen bzw. mich hineinzwängen .... und die Schuhe.... und am Drehtag die angeblich passende Handtasche um den Arm hängen. Diese schwarze Lederimitattasche gab meiner Meinung nach dem Gesamtbild den Rest und ich hätte mir am liebsten die Kugel gegeben. Für die Chefin der Garderobe absolut unverständlich, da sie „Schätzken“, womit sie nicht nur mich sondern auch alle anderen Komparsen meinte, bildschön hergerichtet fand.

Verkleidet, im Stil der Fünfziger Jahre, und ungeschminkt schloss ich mich den anderen Komparsen an. Merkwürdig kam es mir schon vor, dass alle anderen Frauen schöner aussahen als ich, von den Männern ganz zu schweigen. Absolut gelungene Figuren gaben sie ab, zu denen Regisseur Sönke Wortmann wirklich stolz aufsehen kann.

Einer von den älteren Herren musste wohl einen Narren an mir gefressen haben, da er für Stunden nicht von meiner Seite wich. Rein äußerlich passten wir sogar hervorragend zusammen, die Perücke tat ihr Bestes. Nachdem ich es endlich schaffte, mich aus seinen Klauen zu befreien, glaubte ein gutaussehender junger Mann seinen Arm ständig um mich legen zu müssen. Wahrscheinlich sah er in mir eine Beschützer- oder eine zu beschützende Person, vielleicht sogar eine Mutter. Ja richtig, er nannte mich manchmal sogar „Mama“, zuweilen auch „Tante Elsbeth“. Ein bestimmt lustiges Bürschchen fand ich, denn auch während der mitunter langweiligen Dreharbeiten verlor er nicht seinen Humor. So drang „Ein kleiner grüner Kaktus“, „Veronika der Lenz ist da“, „Ich steh im Regen“ und noch verschiedene andere Strophen von irgendwelchen Liedern an mein Ohr. Schon beim Kaffeeschlürfen im Zelt während der Pausen war er mir aufgefallen bzw. sein Humor und ich ihm bzw. meine Perücke mit dem ebenso lustigen Hütchen. Dass er mehrere Fotos von mir machen wollte kam mir sehr gelegen, denn dummerweise hatte ich meinen Fotoapparat vergessen und lebe nun in der Hoffnung, einen Abzug zu erhalten.

Die Dreharbeiten auf dem Bahnsteig des Bochumer Eisenbahnmuseum zogen sich wie Kaugummi, das heißt, mir verging gänzlich die Lust dem heranrollenden Zug zum x-ten Mal zuzuwinken. Das Deutschlandfähnchen in meiner Hand hing schon genauso schlaff herunter, wie die unter dem Hut hervorlukende Lockenpracht. Kein Problem für die fleißigen Damen von der Maske. Mit flinken Handgriffen und einigen Haarnadeln, so an die fünfzig waren es, wurden sie gebändigt, die Locken.

Angelockt von den leckeren Essensgerüchen aus dem Pausenzelt fühlte ich mich überhaupt nicht, da der Gürtel des zu kleinen, beigefarbenen Seidenkleides mir den ganzen Tag über ein indirektes Sättigungsgefühl vermittelte. Zum Glück fand wenigstens ein Plastikbecherchen Espresso Platz, der mir ungelogen noch am nächsten Tag durch den Kopf schwirrte. Genauso wie die wunderbaren Erlebnisse und Eindrücke vom Drehtag im Eisenbahnmuseum in Bochum-Dahlhausen.

 

Weitere Texte der Autorin finden Sie im Stadtmagazin www.mein-bochum.de unter "Hildegards Welt".

 

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