|
~
Hören Sie ein Beispiel ~
"Was ist ein Madrigal?"
Eine kurze
Einführung von
Siegfried Kühbacher
Bei Madrigalen handelt es sich ursprünglich um
eine bestimmte Art von Gedichten. Allerdings wird auch die Vertonung dieser
Texte bald als Madrigal bezeichnet. Das geschieht zunächst ab dem 13.
Jahrhundert in Italien. Das so genannte "Trecento-Madrigal" ist ein Resultat der
Weiterentwicklung der frühen Mehrstimmigkeit und hält sich bis ins 15.
Jahrhundert.
Die Madrigale, die Sie hören werden, haben
musikalisch mit dieser Urform des Madrigals jedoch nur wenig zu tun. Es handelt
sich um eine zweite Ausprägung des Madrigals, die sich im frühen 16. Jahrhundert
wiederum in Italien entwickelt. Sie hält sich bis ins 17. Jahrhundert und
breitet sich bald über die Landesgrenzen hinaus nach ganz Europa aus und
beeinflusst schnell andere „landestypische“ Gattungen wie Chanson, Ayre und
Lied.
Insgesamt ist das Madrigal des 16/17. Jahrhunderts
eine sehr vielfältige Gattung, deren Eigenarten zu beschreiben nicht in zwei
Sätzen möglich ist.
Die Texte, die inhaltlich ursprünglich pastoral
waren, befassen sich beim „neuen“ Madrigal mit weltlichen Themen; hauptsächlich
handelt es sich um Liebesgedichte jeder Art, egal ob glücklich oder verschmäht,
die hochstilisiert sind und den manieristischen Tendenzen der Zeit entsprechen.
Allerdings finden zunehmend satirische und humoristische Inhalte Eingang. Die
Texte unterliegen formal keinerlei Regeln, die den Aufbau bestimmen. Von
einstrophig bis mehrstrophig ist alles vertreten, ebenso sind die
verschiedensten Reimformen und Metren möglich.
In dieser Freiheit der Texte begründet sich
demnach auch die Formanvielfalt der Kompositionen. Die im Trecento-Madrigal
vorherrschende Form von aneinandergereihten Strophen, die durch ein kurzes
Ritornell – eine Art Refrain – unterbrochen werden, ist noch genauso vertreten
wie durchkomponierte Stücke, die in normalerweise klar von einander trennbaren
Abschnitten die verschiedenen Aussagen des Textes vertonen. Hierin liegt im
übrigen eins der wichtigsten Ziele der Komponisten der Zeit. Die Textausdeutung
– bis hin zur Ausdeutung einzelner Wörter – durch kleinste musikalische Motive
hat in der damaligen Zeit oberste Priorität. Und so wird z.B. jeder Schmerz,
jedes Leiden durch musikalische Mittel wie Seufzermotive und mehr oder weniger
ausgeprägte Chromatik (das heißt Aneinanderreihung von Halbtonschritten) direkt
dargestellt. Ebenso ist es natürlich möglich Freude, Aufregung, Liebe und sogar
Geräusche darzustellen. Instrumente wie beispielsweise die Laute werden
nachgeahmt und erklingen häufig in den angesprochenen Ritornellen.
~
|